Predigt Leben Sterben Hoffen am 22.03.2026

25. März 2026

Herzlich Willkommen in der Reformationskirche Moabit, herzlich willkommen zum Erlebnisgottesdienst. Ich freue mich, dass wir alle heute gemeinsam einen Gottesdienst feiern, der sich mit drei so wesentlichen  Begriffen beschäftigt. Heute geht es um das Leben, das Sterben und die Hoffnung. In dem klassischen Format eines Erlebnisgottesdienstes, haben wir heute mehrere Stationen aufgebaut. In den Stationen werden wir uns praktisch mit den Begriffen auseinandersetzen. Vorab will ich gern eine Einführung geben, indem ich ein paar Gedanken mit euch zu dem Leben, dem Sterben und der Hoffnung teile.

Diese drei Begriffe scheinen zuerst sehr unterschiedlich zu sein. Vor allem das erste Begriffspaar, Leben und Sterben, scheint auf dem ersten Blick gegensätzlich zu sein. Das Sterben, das dem Leben entgegengesetzt scheint, weil es das Leben beendet. Das Ende, das gefürchtet wird. Das Ende, dem wir so lange wie möglich ausweichen wollen. Wenn wir den Tod so fürchten, wünschen wir uns dann die Unsterblichkeit? Was passiert, wenn wir es wären? Simone de Beauvoir hat ein Buch über einen Menschen geschrieben, der unsterblich ist. Tatsächlich gibt es irgendwann den Moment, wo er sich nichts mehr wünscht als die Sterblichkeit. Der Hauptperson, Fosca, wird bewusst, dass dem Leben die Bedeutung genommen wird, wenn es unendlich währt. Simone de Beauvoir schreibt, dass es ohne den Tod keine Dringlichkeit, kein Engagement, keine Liebe, keine Entscheidung gibt. Fosca erfährt, dass  nichts endgültig ist für den, der ewig lebt. Wenn die Zeit unbegrenzt ist, gibt es keinen Grund zu handeln, zu lieben oder zu entscheiden. Die Sterblichkeit zwingt uns, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.

Der Tod kreiert die Bedeutsamkeit des Lebens. Darüber schreibt auch Paulo Coehlo in seinem Buch: „Veronika beschließt zu sterben“. Erst als Veronika denkt, ihr Tod stehe kurz bevor, fängt sie an, das Leben zu schätzen. Erst jetzt entdeckt sie den Zauber des Lebens und entwickelt einen unbändigen Lebenswillen. Coehlo schreibt, wie wir erst durch das Bewusstsein des Todes ein Bewusstsein für das Leben entwickeln. Das eine bedingt das andere.

Tatsächlich ist uns der Tod nicht immer bewusst. Einerseits arg gefürchtet leben viele Menschen andererseits, als würden sie nie sterben. Das Leben scheint unendlich, wir scheinen unbegrenzt viel Zeit zu haben. Und genau in diesem Habitus verpassen wir unser Leben. Wir verstricken uns in unseren Gewohnheiten, die Routinen strukturieren unser Leben, wir gehen im Autopilot durch die Tage. Und plötzlich kommt der Tod. Überraschend müssen wir dann doch unser unendlich geglaubtes Leben verlassen. Zu spät sinnen wir über all die Lebensentwürfe nach, die es noch für uns gegeben hätte. All die anderen Leben, die wir hätten leben können. Somit ist nicht der Tod das größte Übel, sondern ein nicht gelebtes Leben.

So sagt auch Elisabeth Kübler-Ross, dass die Nähe zu sterbenden  Menschen ein anderes Bewusstsein für das Leben schafft. Der Tod sollte nicht als der Feind betrachtet werden, sondern als ein natürlicher Teil des Lebens. Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens, viel mehr wirkt er wie ein Spiegel des Lebens. Im Angesicht des Todes, erkennen wir, wie wir gelebt haben. Und unweigerlich beschäftigen sich Menschen, die mit Sterbenden arbeiten, mit dem Thema, was ein gelingendes Leben ist.

Wenn wir also das Bewusstsein für unser Leben entwickelt haben, dann wird ein Element das Wichtigste: das Hoffen. Nachdem Pandora den Krug von Zeus öffnete kamen Krankheit, Tod, Leid, Schmerz und Trauer in die Welt. Aber auch dieses war im Krug: die Hoffnung. Die Hoffnung, die uns durch dieses Leben leitet, trotz all der Herausforderungen, die uns begegnen. Augustinus scheibt, dass die Hoffnung unsere Sehnsucht nach Gott ist, die unser Herz antreibt und unser Leben ausrichtet. Die Hoffnung ist nicht passiv, sondern aktiv. Sie ist eine geistliche Kraft, die Leben, Handeln und Leiden mit Sinn erfüllt. Hoffnung ist die Kraftquelle, die uns resilient und lebensbejahend sein lässt. Hoffnung ist das aktive Vertrauen, dass Gott seine Verheißungen erfüllt. Aktiv heißt, dass wir in unserem Handeln, diese Verheißungen wahr werden lassen können. Unser Glaube zeigt sich in unseren Handeln. Wir erschaffen, woran wir Glauben. Wir erschaffen Gottes Reich indem wir sein Wort durch Handlungen in die Welt tragen.

So sind Leben, Sterben und Hoffen eng miteinander verknüpft.

Ich habe einmal gelesen, dass wir  in unserem Leben nur zwei Menschen glücklich machen müssen. Unsere Version als 8 jährige und unsere Version als 80 jährige. Die 80 jährige überblickt ihr gelebtes Leben und will ohne Reue darauf zurückschauen. Habe ich sie also im Blick, so erlange ich genau das Bewusstsein vom Leben, von dem ich schon sprach. Die 8 jährige wiederum will leben, im Hier und Jetzt verankert sein und dieses Leben genießen und feiern. Lasst uns diese beiden Versionen vereinen und beide glücklich machen.

Jetzt, wo wir in diesem Moment zusammen sind, an diesem wundervollen Ort, lasst uns also das Leben feiern, gleich eines übermütigen Kindes. Lasst uns Konfetti regnen lassen, lasst uns singen. Lasst uns feiern, dass uns der Glaube gegeben wurde. Lasst uns feiern, dass wir vertrauen dürfen. Lasst uns feiern, dass uns das Gute gegeben wurde und wir uns jeden Tag entscheiden können, danach zu leben und den Glauben in die Welt zu tragen.

Lasst uns in den Stationen dieses Gottesdienstes unsere Wünsche aufschreiben, lasst uns Blumen in die Erde pflanzen, die die Saat wie unsere Hoffnung in sich tragen, lasst uns Lichter anzünden, lasst uns einander Anteil haben an unseren Sorgen, Ängsten und auch unseren Freuden.

Leben und Tod sind eins, wie der Fluss und das Meer eins sind. Und so lang es Leben gibt, gibt es Hoffnung.

Und so wollen wir uns nun mit diesen drei Begriffen in den Stationen auseinandersetzen. Wir laden euch ein, selber eurer Spur von Leben, Sterben und Hoffen zu folgen.

Anna Helene Müller

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